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Genderwoche: "Identitti" und "Ministerium der Träume"



Die PH Schwäbisch Gmünd organisierte auch dieses Jahr wieder eine spannende Genderwoche mit Veranstaltungen zu den Themen „Sex, Macht und Geschlecht: https://www.ph-gmuend.de/die-ph/aktuelles/veranstaltungsreihen/genderwoche. Neben einem öffentlichen Rahmenprogramm mit Vorträgen, einer Lesung und Kabarett öffneten etliche Lehrende ihre Seminare für ein interessiertes Publikum.


Der Master „Germanistik und Interkulturalität/Multilingualität“ beteiligte sich mit einer Seminarsitzung über die Werke „Identitti“ (2021, Carl Hanser Verlag) von Mithu Sanyal und „Ministerium der Träume“ (2021, Aufbau Verlag) von Hengameh Yaghoobifarah. Beide Romane sind dieses Jahr erschienen und behandeln trotz ganz unterschiedlicher Plots ähnliche Motive wie Liebe, Sex, Geheimnisse, Verrat, Verlust, Identität, Fremdenfeindlichkeit und den Wunsch nach Zugehörigkeit.


In „Identitti“ bricht für die Studentin und feministische Bloggerin Nivedita eine Welt zusammen als Saraswati, Professorin für Postcolonial Studies an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, als weiße, deutsche Person geoutet wird. Saraswati, die vorgegeben hatte, indischer Herkunft zu sein und damit eine Person of Colour, hatte ihre Identität auf einem Lügengebäude aufgebaut. Für Nivedita, selbst polnisch-indischer Herkunft, stand bis dahin immer fest „Saraswati is one of us“, doch plötzlich findet sie sich in einem gewaltigen Shitstorm wieder und muss alles, woran sie bisher glaubte, in Frage stellen.


Auch für Nasrin in „Ministerium der Träume“ ist nichts mehr so wie es früher schien. Ihre Schwester Nushin ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und sie, die sich selbst als migrantische Lesbe bezeichnet, muss sich nun um ihre Nichte Parvin kümmern. Aber war es wirklich ein Unfall, wie Nasrin vermutet, oder gar Mord? Es beginnt eine turbulente Suche nach der Wahrheit. Die Schwestern waren in den 80er Jahren aus dem Iran geflohen und in einem Deutschland aufgewachsen, dass in den 90er Jahren von fremdenfeindlichen Anschlägen in Hoyerswerda, Rostock und Mölln geprägt war. Nasrin entdeckt, dass sie ihre Schwester doch nicht so gut kannte, wie sie dachte, und findet bei der Suche vor allem sich selbst.


Beide Romane werfen die Frage nach der eigenen Identität in einer postkolonialen und postmigrantischen Gesellschaft auf. Die Kapitel im zweiten Teil von „Identtiti“ sind nach berühmten Werken der Postcolonial Studies benannt: „Woman, Native, Other“ (1989) von Trinh T. Minh-ha, „Black Skin, White Masks“ (1952) von Frantz Fanon, „Orientalismus“ (1978) von Edward Said, „The Location of Culture“ (1994) von Homi K. Bhaba, „Can the Subaltern Speak?“ (1988) von Gayatri Chakravorty Spivak und „Decolonising the Mind“ (1986) von Ngũgĩ wa Thiong'o. Sanyal zitiert dabei auch aktuelle Stimmen im Diskurs und passt sie entsprechend der Handlung des Buches an, z. B. hier das bearbeitete Zitat von Ronnie Gladden, das Basis für eine angeregte Diskussion am Ende der Seminarsitzung bildete:


„Obwohl ich aussehe wie ein Schwarzer Mann – verstehe ich mich selbst als weiße Frau. Mir ist vollkommen klar, dass viele meiner Kritiker*innen meine Selbstidentifikation im besten Fall unsinnig finden und im schlimmsten Fall abnormal und krank. Und viele interessieren sich schlicht nicht dafür oder sind überfordert, was das nun bedeuten soll. Trotz alldem ist meine Identifikation tief in mir verwurzelt – und ich glaube, dass Saraswati ebenfalls ihr wahres Ich lebt. Doch bevor wie ihr das zugestehen können, muss die ganze Gesellschaft sich erst einmal durch ihre vielen Verletzungen, ihren vielen Schmerz in Bezug auf race durcharbeiten.“ (Identitti, S. 362)


Originalzitat: Gladden, Ronnie with Rachael Greenberg, ed (2015): TRANSgressive Talk:An Introduction to the Meaning of Transgracial Identity. In: Journal of LGBTQ Studies Queer Cats. https://escholarship.org/uc/item/6qm5w15t


Das Werk „Identitti“ wird im kommenden Wintersemester Semesterlektüre des Kurses „Diversität in Literatur, Film und Kunst“ im Rahmen des Master-Studiengangs „Germanistik und Interkulturalität“ sein.


Weitere Infos:

Den Roman Identitti kann man bis 2. Juli 2021 hier als Hörbuch hören: https://www.swr.de/swr2/literatur/fortsetzung-folgt-mithu-sanyal-identitti-100.html

„Ministerium der Träume" ist als Hörbuch auf Spotify erhältlich.


Ein Gespräch mit Mithu Sanyal im Rahmen der ZEIT-ONLINE-Reihe „Die blaue Hand" gibt es hier: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-05/literatur-mithu-sanyal-identitti-sexualitaet


Save the Date:

17.06.21 und 01.07.21, jeweils 18 Uhr: Virtueller Studieninfoabend Master „Germanistik und Interkulturalität/Multilingualität“


02.07.21, 18 Uhr: Onlinelesung. Sharon Dodua Otoo liest aus ihrem Roman „Adas Raum“.


18.11.21, 18 Uhr: Lesung. Cihan Acar liest aus seinem Roman „Hawaii“.


Informationen und Anmeldung zu den Veranstaltungen: miriam.zeilinger@ph-gmuend.de

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