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Lesungsbesprechung Mithu Sanyal, Identitti



Blogbeitrag von Miriam Weßels, Master Interkulturalität und Integration


Es war das Jahr 2022, genauer gesagt der 12. Januar, und es gab einen Skandal: die fabelhafte Dr. Mithu M. Sanyal hielt eine Lesung zu ihrem Debütroman Identitti und… sie fand wegen der Coronapandemie online statt! Fangirls wie die Autorin dieses Blogeintrags konnten so kein Selfie mit ihrem Idol machen. Scheiß Corona!


Die dreifache Dietrich-Oppenberg-Medienpreisträgerin, die auch mit gefeierten kulturwissenschaftlichen Sachbüchern wie „Vulva: die Enthüllung des ´unsichtbaren Geschlechts´“ und „Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens“ aus feministischen Diskursen nicht mehr wegzudenken ist, war trotz der Virtualität in der Lage ihre Zuhörer*Innen zu verzaubern. Drei Ausschnitte trug Dr. Mithu M. Sanyal vor und beantwortete zahlreiche Fragen.


Aber erstmal kurz zum Inhalt: Nivedita, eine Studentin bei der renommierten Postcolonial Studies Professorin Saraswati, hat ein „Problem“. Ihre Mutter war polnisch, ihr Vater indisch und die längste Zeit ihres Lebens empfand sich Nivedita als weder indisch noch polnisch genug. Durch ihre Professorin, die für sie zu einem Rollenvorbild wurde, konnte sie endlich Identität erlangen. Für Saraswati gab es keine Kategorien wie echte und unechte Inderin, aber dann kam der Skandal: Saraswati war unecht. Sie war weiß* und hatte nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre Hautfarbe verändert. Für Nivedita der größte Schock ihres Lebens.


Neben der Frage, was es heißt in Deutschland in Bezug auf ethnische Identität zwischen den Stühlen zu stehen, steht vor allem das zentrale Thema der Überschreitung von Grenzen und damit die Infragestellung sozialer Kategorien im Fokus des Romans. Aber wie kam es zu der Entscheidung gerade über diese Themen zu schreiben? Seit 25 Jahren wollte Dr. Mithu M. Sanyal schon über diese Themen sprechen, da es in Deutschland kaum Repräsentation von Menschen gab, die sich ethnisch nicht so leicht zuordnen konnten.


Bezogen auf dem Schreibprozess bemerkte die Autorin, dass das Designen der Figuren und Dialoge von selbst kam. Schwer hingegen fiel ihr die Vermeidung von Klischees. Obwohl Identitti auch ernste Themen beinhaltet, bedient sie sich immer wieder dem Stilmittel des Humors und der Ironie – und das ganz bewusst. Auf die Frage, ob es angebracht sei über diese wichtigen Themen zu lachen, entgegnete sie entschlossen „Wenn wir über etwas lachen, hat es weniger Macht über uns.“


Nach der Fertigstellung des Romans sah sich Dr. Mithu M. Sanyal vor dem Problem stehen, einen Verlag zu finden. Dabei wurde sie mit Sätzen wie „danke, wir haben schon eine Inderin in unserem Programm“ oder „das was Sie schreiben, passt nicht in den deutschen Literaturmarkt“ abgetan. Nach zahlreichen Absagen entschied sich der Hanser Verlag für Identitti und bereute es nicht. Trotz der Ablehnungen ist Dr. Mithu M. Sanyals Message klar: „Mach weiter, irgendwann passt es!“.


In Anspielung auf ihre Dissertation „Vulva: die Enthüllung des ´unsichtbaren Geschlechts´“ und dem darauffolgenden Sachbuch „Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens“ bemerkte sie „Ich durfte zuerst über Sex, dann über Politik reden und jetzt darf ich endlich Literatin sein, die über alles schreiben darf.“ Auf die Frage nach ihrer eigenen Geschichte skizziert sie eine Antifa-Sozialisation, in der sie sich von einer Häuserbesetzerin zu einer gefragten Teilnehmerin an Podiumsdiskussion gewandelt hat. Sehr sympathisch!


Abschließend wollte mein Idol noch einmal ermutigen. Die Frage, ob es denn noch Hoffnung im Kampf gegen Rassismus gebe, beantwortete sie entschlossen mit „Ja!“. In den 80er Jahren habe kaum jemand in Deutschland über Rassismus gesprochen, und unglaublich viel ändere sich gerade.


Ich habe Identitti verschlungen, muss eine klare Leseempfehlung geben und möchte diesen Blogeintrag mit einem Satz aus Dr. Mithu M. Sanyals Abschlussstatement beenden:

„Lasst uns freundlich miteinander reden und lasst uns warm miteinander umgehen.“


Info:

Die Veranstaltung wurde vom Zentrum für Migrations- und Integrationsstudien MIGS durchgeführt: https://www.zentrum-migs.de/ .

Informationen zur Autorin und ihren Werken gibt es auf ihrer Webseite: http://www.sanyal.de/.

Das Buch Identitti ist im Hanser Verlag erschienen: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/identitti/978-3-446-26921-7/.


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