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Lesungsbesprechung Sharon Dodua Otoo


Blogbeitrag von Elena Harizi, Master Germanistik und Interkulturalität/Multilingualität


Am 2. Juli 2021 fand an der PH Schwäbisch Gmünd eine Lesung mit einer brillanten Vertreterin der interkulturellen Literatur in Deutschland, die durch ihre offene und charmante Art, durch ihre Fähigkeit der Diskussion eine Schärfe zu verleihen und neue Interpretationen willkommen zu heißen den Teilnehmenden der Lesung noch lange in Erinnerung bleiben wird.


Die Ingeborg-Bachmann Preisträgerin Sharon Dodua Otoo, politische Aktivistin, Autorin und Herausgeberin hat zwei Passagen aus Ihrem vielbesprochenen Debütroman „Adas Raum“ sehr emotional und ergreifend vorgelesen.


Am Anfang der Lesung gab die Schriftstellerin Einblicke in die Entstehung des Romans, sprach über die verschiedenen Möglichkeiten ihn zu deuten, darüber, dass sie sich mit diesem Buch viel vorgenommen hatte, durch nicht zuletzt komplizierte Struktur und die Entscheidung auf Deutsch zu schreiben.


Mit Ada hat die Autorin eine starke Frauenfigur geschaffen, die sich in einem nicht lienalen Verlauf der Geschichte bewegt und die Schleifen der Herausforderungen immer wieder auf sich nimmt. Der gewaltsame Tod der Heldin ist ein Zeichen der Stärke, nicht zuletzt dadurch, dass der Tod teilweise freiwillig gewählt wird.


Raum, Zeit, Dauer, Stillstand, Leben und Tod sind alle wie ein Teil eines Zustandes, einer ewigen Existenz, die Spuren und Traumata der vergangenen Schleifen immer wieder neu aufblühen lässt.


Das Wiederkehrende ist sogar im Namen der Helden mehrschichtig kodiert. Für die Autorin selbe war der Name Ada, der wie zugeschnitten zu Idee des Romanes passt, ein glücklicher Zufall. Der Name weist zahlreiche innere „Schleifen“ auf: Er ist in mehreren Sprachen wiederzufinden, die Bedeutungen variieren jedoch von z.B. Nigerianischem Ebo „erste Tochter“ bis zu hebräischen „Schönheit“. Grafisch stellt der Name Ada ein Gleichnis von recht nach links und von links nach rechts dar.


Nicht weniger spannend verlief die Diskussion um die „beseelten Wesen“, die bereits in anderen Werken der Autorin vorkommen, wie z.B. in der Erzählung „Herr Gröttrup setzt sich hin“.


Was lernen wir von den sich immer wiederholenden Herausforderungen? Wie gehen wir damit um? Was lehrt uns die wiederständige Haltung von Ada Lovelace und welche Impulse verleiht wiederum ein selbsterwählter Tod von Ada/Adelajda in einem KZ? Welche Rolle spielt das Ursprungstrauma dabei? Frau Otoo hat deutlich darauf hingewiesen, dass Vieles in dem Roman angelegt sei, dennoch nicht gedeutet. Sie kann dem Leser ihre Gedanken beim Schreiben auf den Weg geben, allerdings nicht die Interpretation selbst. Diese, genau wie das Ende des Romans bleibt offen und aufnahmefähig für Neues. Dem Leser wird weder ein klassisches Happy End serviert, noch wird alles gelöst. Die Schwierigkeiten waren und werden ein Teil unsers Lebens bleiben.


Erwähnenswert sind zudem die Fragen nach der Relation zwischen Literatur und Geschichte sowie den Vorbildern der Autorin unter den Europäischen und Afrikanischen Schriftsteller*innen.


Inwiefern füllt die Literatur Lücken in der Geschichte? Auch wenn es nicht die Aufgabe der Literatur ist, Geschichte neu zu schreiben oder zu erfinden, ermutigt sie dennoch in die Vergangenheit zu schauen, dass nicht historisch Belegbare durch Perspektive der marginalisierten Personen, durch Symbolsprache und Emotionen zu betrachten.

Laut Frau Otoo sei der Roman zwar nicht autobiographisch, jedoch soll man sich der Tatsache immer bewusst bleiben, dass die Künstlerinnen nicht im Vakuum kreieren. Alles entsteht im Kontext. Sogar dem Roman zugeschriebenen Einflüsse durch z.B. Virginia Woolf kann die Autorin trotz voriger Unkenntnis ihrer Werke nicht ganz verneinen. Die kontextuellen Bezüge umgeben uns überall und bewirken unbewusst unser Denken und Tun.

Abschließend fiel das Zitat von Simon Du Beauvoir in Bezug auf die Frage „Ist Ada immer eine Schwarze Frau?“ sehr passend und aktueller denn je.


„Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“.


Im Fall von Ada ist es der Kontext und nicht die Farbe, die wichtig ist.


Ein Statement der postmodernen diversen und offenen Gesellschaft, die Schwierigkeiten und Herausforderungen weiterbringen.


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